Webinar “Lukrative Mandate in XING gewinnen” – nur eine virtuelle Kaffeefahrt

Prolog: Ich habe Juristen in der Familie und viele meiner besten Freunde sind auch Juristen. Einem dieser kam vor kurzem eine Einladung auf den Schreibtisch. Ein Webinar mit dem verheißungsvollen Titel “Lukrative Mandate in XING gewinnen” – kostenlos auf der Webinarplattform edudip. “Ich habe keine Zeit, magst Du das anschauen?”, wurde ich gefragt. Ich nutze XING seit es noch OpenBC hieß und dachte dennoch, ein Versuch sei es wert. Zum einen um einmal zu sehen wie solche Seminare ablaufen und wieviel nutzbare Substanz in so einem Seminar steckt. Ich habe mich also auf der Plattform für das Seminar kostenfrei registriert.

Das Angebot: Der Beschreibungstext des Webinars liest sich wie folgt: [quote style=”boxed”] Ein Webinar speziell für Juristen. Professionelle Mandantengewinnung in XING ist einfacher als Sie denken. So rollen Sie den roten Teppich für Ihre neuen Mandanten aus. In diesem 60-minütigen, kostenfreien Onlineseminar zeigen wir Ihnen die Möglichkeiten von gut gemachtem XING-Marketing zur Gewinnung Mandanten. Die Gewinnung neuer Mandate ist heute leichter denn je, wenn man weiß wie. In diesem kostenfreien Onlineseminar erhalten Sie den Erfolgsschlüssel zur Mandantengewinnung im größten Businessnetzwerk im deutschsprachigen Raum: XING. [/quote]

Der Anbieter: Anbieter des Seminars ist der Inhaber einer Firma, welche Kanzleisoftware für Juristen herstellt. Daher wohl auch die Bewerbung des Webinars bei Juristen.

So sah das Angebot auf der Webinar Plattform aus:

edudip xing webinar

Der Ablauf

Zuerst begrüßte der Organisator die ca. 20 Teilnehmer. Kurz darauf stellte er den Dozenten des Seminares vor. Es handelte sich um Herrn Andre Schneider.  Herr Schneider ist unterwegs als “Kundengewinnungscoach”. Ein Blick auf seine Internetseite ließ düstere Vorahnungen in mir aufkommen.

Herr Schneider erläuterte zunächst episch, warum XING als Akquiseplattform sehr gut geeignet sei. Ob die anwesenden Rechtsanwälte in Entzückung gerieten bei den vielen Folien, welche die 12 Mio. XING Mitglieder demographisch aufschlüsselten kann ich nicht beurteilen. Nach etwa 15 Minuten erläuterte  Herr Schneider, dass das XING Profil das Wichtigste sei. Denn wenn man von neuen Mandante gefunden wird – (gefunden? es geht um Kundengewinnung … ) müsse das XING Profil “magnetisch” sein.

Er stellte den Vergleich mit einem Schaufenster an. So wie Kunden nur bei einem gut gestalteten Schaufenster in den Laden kämen, so kriegt man nur durch ein außerordentlich gut gemachtes XING Profil neue Mandanten. Im Folgenden zeigte er an Hand seines Profils wie ein magnetisches XING Profil aussieht. Er empfahl den Juristen in der “Über mich” Sektion bewegte Grafiken einzsetzen (bringt sofort Aufmerksamkeit), kleine Belohnungen wie Videos mit einem Sofortangebot einzubinden und die Kontaktdaten mit Unterschrift darzustellen.

Es kam mir vor wie die Anleitung: “Wie macht an aus einem seriösen Juristenprofil ein Multilevel Network Profil” – das war der Moment in dem ich beschloss, das hier zu schreiben.

Suchmaschinenoptimierung durch XING

Herr Schneider erläuterte einen gewaltigen Trick, wie Juristen neue Mandate bekommen können: Durch das kreative Ausfüllen der Informationen unterhalb des Profilfotos, kann man mit Begriffen bei Google gut gefunden werden. Er untermauerte dies mit seinem (welchem sonst) Profilbeispiel:

Das Profil:

Der geniale Suchbegriff:

“Gehirngerechtes Lernen”

Der Triumph in Google:

Er zeigte eine Folie, in der sein XING Profil nach Eingabe des Suchbegriffes auf den vorderen drei Plätzen zu sehen war. So gewinnt man neue Mandanten!

Anmerkung:

Abgesehen davon, daß es sicher unglaublich viele Menschen gibt, welche “gehirngerechtes lernen” in Google eingeben, wenn Sie mehr Erfolg im Vertrieb haben möchten, war die Beweisfolie wohl schon etwas betagt. Zum einen gab es nur ca. 7.000 Ergebnisse, aktuell sind es 42.000 Ergebnisse und Herr Schneider ist mit seinem XING Profil, trotz dieses lächerlichen, für jeden SEO Praktikanten zu optimierenden Keywords, auf die zweite Suchergebnisseite abgerutscht. So eine Vorgehensweise als Akquisemethode anzubieten? …

So geht Akquise – Akquisekosten im Vergleich

Dann kamen die Insiderinformationen – Herr Schneider zeigte uns, wie teuer herkömmliche Akquise im Vergleich zu XING Akquise ist.

Nachfolgend der Originalscreenshot dazu:

Bitte mal genau lesen. Auf Nachfrage, welchen Erfolg, sprich neue Mandate die XING-Marketing ergeben hatte, kam die Antwort “Das könne er nicht sagen, es wäre auch problematisch mit dem Datenschutz, das zu sagen”.

Der Abschluß

Nach insgesamt etwa 60 Minuten Lebenszeitverschwendung, da nichts substanzielles welches dem Seminartitel auch nur ansatzweise gerecht werden würde gesagt wurde, kam endlich der Höhepunkt des Webinars:

Wer wissen will, wie es wirklich geht, bucht bitte meinen 8-teiligen Videokurs! Das wurde etwa 15 Minuten lang angebiedert, garniert mit Heizdecken, entschuldigung anderen unglaublich guten Angeboten zum unschlagbare günstigen Preis. natürlich zeitlich limitiert:

Unglaublich brilliant auch das Angebot: Im Preis des angebotenen ist auch die Empfehlung der Kanzlei an 5.100 Kontakte von Ihm enthalten.

Fazit:

Diese Veranstaltung war eine absolute Mogelpackung. Unter dem Titel, welcher Juristen sicher ansprechen konnte, wurde ganz klares Multilevel Marketing betrieben. Seltsame Argumentationen, fehlende Beweise der getätigten Aussagen, teilweise fachlicher Blödsinn (SEO) und permanente Selbstbeweihräucherung des Dozenten welches in einer Abverkaufsorgie seiner weiteren phantastischen Leistungen endete.

Warum habe ich mir das bis zum Schluß angetan?

Nach wenigen Minuten wollte ich reflexartigartig die Veranstaltung verlassen. Aber dann beschloß ich auszuhalten und für Euch darüber zu schreiben. Es war wirklich hart …

 

9 Gedanken zu „Webinar “Lukrative Mandate in XING gewinnen” – nur eine virtuelle Kaffeefahrt“

  1. etwas’..magnetisch machen..’
    Da hat einer wohl mal am Rande mal etwas vom leider viel zu früh verstorbenen Burkhard Apholz gelesen.

    Der schrieb unter anderem:
    ‘..Werden Sie magnetisch für die Kunden, die Sie haben wollen. Wer versucht, es allen recht zu machen, macht es schließlich keinem recht. Sie müsssen sich schon die Frage stellen, welche Kunden wollen Sie überhaupt. Und fast noch wichtiger ist die Frage: Welche Kunden wollen Sie auf gar keinen Fall? Denn Sie werden nur mit den Kunden auf Dauer glücklich und erfolgreich sein, die zu Ihnen passen. Schließlich haben Sie Ihr Unternehmen nicht gegründet, um alle Dinge für alle Kunden irgendwie zu tun. Sie wollen einige Dinge für einige Kunden ausgezeichnet tun. Nur so können Sie überdurchschnittlich gut verdienen. ..’

  2. Burkhard Apholz war mein letzter Mentor. Ich hatte Kontakt mit ihm und habe viel von ihm gelernt. Ich bin mir sicher, wenn er dieses Webinar gesehen hätte, würde er sich auf die Schenkel kloppen vor Vergnügen, sich eine Zigarre anzünden, den Hund nehmen und die Abendluft geniessen gehen.

    Es ist gruselig, seine wunderbaren Anregungen so mißbraucht zu sehen.

  3. Eigentlich unglaublich. Eine Subkultur unterhalb Xing, von der man zwar vermutet, dass sie existiert, aber das es so schlimm ist…

    Mit tun schlicht die Menschen leid, die auf die “Angebote” dieses Menschen (und ähnlicher Scharlatane) reinfallen und vermutlich einfach nur viel Geld verlieren werden. Du hattest ja die virtuellen Heizdecken erwähnt.

    Leider ist auch bei Anwälten mittlerweile der Druck so hoch, dass ich fürchte, es wird Leute geben, die aus lauter Verzweiflung eine solch vermeintlich kuschelige Decke für die kalte Jahreszeit kaufen.

  4. Das korrespondiert aber ganz gut mit meinem generellen Eindruck der aktiveren XING-Klientel. Ich kann schon nicht mehr zählen, wie viele Kontaktanfragen ich in den letzten Wochen abgelehnt oder ignoriert habe von Leuten, die mich mit ihren mehr als 5.000 Kontakten in ihr “Netzwerk einladen” wollten. Da passt obiges Seminar ganz gut: Möglichst viele Butterfahrten anbieten, irgendwann wird der Bus schon voll.

    Traurig nur, wie Tom bereits schrieb, dass es genug Leute geben wird, die den Aufwand für solche Verblödungen rechtfertigen …

  5. Hallo Torsten,

    schöner und spassiger Artikel. Aber immer dran denken: jeder Kunde bekommt den Berater den er verdient (bezahlt) hat.

    So gesehen drücken wir André Schneider die Daumen, dass er viel Spaß mit seiner Yacht im Mittelmeer hat, den Range Rover immer an der besten, von allen kleingeistigen Menschen ohne Erfolg, sichtbaren Stelle parkt und sein mit harter Arbeit aufgebautes, mega-erfolgreiches Internetunternehmen zu einem echten Schnäppchenpreis (nur heute gültig) an eine andere arme Wurst verkauft, die vom großen und einfach verdienten Geld träumt. ;-)

    VG, Carsten

  6. Ich musste sehr schmunzeln bei diesem Artikel. Ich lehne mich auch gleich mal weit aus dem Fenster und sage, wer es nicht fertig bringt sein eigenes Xing Profil zu optimieren, der muss selber noch einiges lernen.
    Schade nur, das solche Menschen es immer wieder schaffen , anderen regelmässig das Geld aus der Tasche zu ziehen.

  7. Wer gute XING-Seminare besuchen will, sollte bei Joachim Rumohr fuendig werden. Hier lernt man, worauf es ankommt. Speziell fuer Anwaelte haben wir ein Seminar konzipiert, bei dem das eigene Profil optimiert wird und die Moeglichkeiten, die XING bietet, dargestellt werden. Das hat aber nichts mit Kaffeefahrt zu tun, sondern beinhaltet praktisches Arbeiten am eigenen Profil. Und danach kann man in der Tat auch neue Mandanten gewinnen;-) Schoene Gruesse, Ilona Cosack

  8. Danke, dass Du bis zum Schluss ausgehalten hast. Sonst wäre uns dieser echt amüsante Artikel vorenthalten geblieben.
    Aber letztlich war das Seminar doch gut besucht – also an Werbewirksamkeit hätte er etwas rüberbringen können / sollen…

  9. Was soll man sagen?! Ich habe auch schon grosse SEO-Agenturen mit Worten wie “Linkmagneten” werben gesehen. Weiss auch nicht genau, ob sowas physikalisch haltbar ist. ;-)
    Aber Werbung darf ja deutlich mehr als Wissenschaft!
    In diesem Sinne…
    Cheers!

    Jens

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